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Unterwegs mit dem ukrainischen Autor Serhij Zhadan




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Unterwegs mit dem ukrainischen Autor Serhij Zhadan

Beitrag  Umnichka am Fr 3 Jul 2015 - 18:10

Es ist Krieg, und sie feiern
Vergangenes Jahr wurde er verprügelt, als er das Parlament in Charkiw verteidigte. Jetzt verteidigt er die Freiheit mit Musik – auf Tour mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan und seiner Band.

Der Krieg – er sieht so aus: Ein Arm, breit und trainiert, zum Ellbogen zieht sich frische, rosige Haut hoch und zusammen. Durch diesen Arm ist eine Kugel gegangen. Igor dreht sich, zeigt dann die zweite Narbe auf demselben dicken, starken Arm. „Und hier hat mich die Kugel auch wieder schon verlassen“, sagt er leicht lächelnd wie ein zu großes Kind.

Igor hat ein Jahr für das Kiewer Freiwilligenbataillon gekämpft und wurde zweimal verletzt, im Osten. Und während er mir seine Wunden jetzt erklärt, zieht Kiew und eine kurze Sommernacht an uns vorbei. Igor ist der Freund einer Freundin einer Bekannten. Ich kenne ihn nicht, trotzdem fährt er mich aus einem Kiewer Vorstadtviertel – mit der Metro nicht zu erreichen – zurück in die Stadtmitte, zurück in mein Hotel.

Polka im Kopf
Noch vor einer einzigen Stunde wusste ich nicht, wie Schusswunden aussehen. Noch vor einer einzigen Stunde war der Krieg nicht zu sehen. Noch vor einer einzigen Stunde tanzten tausende narbenlose Körper zu der Musik der ukrainischen Rockband Sobaki v Kosmose, zu dem Gesang des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan auf einem Festival-Gelände.

Im Polka-Rhythmus der Sobaki-Bläser sang Zhadan dort den Song „300 Chinesen“ und sang auch noch viel mehr, immer auf ukrainisch, immer zur leicht unterschiedlichen Musik. Denn die Musik von Sobaki v Kosmose (das heißt übersetzt: Hunde im Weltall) ist eine Zwischenmusik, eine Musik zwischen Rock zwischen Punk zwischen Ska.

„Was machst du hier in der Ukraine?“, fragt Igor, während wir nun durchs Kiewer Zentrum fahren, der Vorort und das Festival liegen mehr als zehn Kilometer hinter uns entfernt, trotzdem tanzen die dreihundert Chinesen der Sobaki noch immer Polka in meinem Kopf.

Wie ein Arzt, der seinen Patienten beruhigt
Und ich versuche Igor etwas Halbkluges zu entgegnen, sage dann aber: „Ich will dieses Land jetzt verstehen, in seinem Jetzt, verstehst du?“ – „Auf einem Konzert?“, antwortet Igor, und dann schäme ich mich für mein Kunst-kann-die-Welt-erklären-Phantasma, schäme mich für diesen Reflex, der mich in die Ukraine gebracht hat, zuerst in den Nordosten, nach Charkiw.

Dort beginnt alles, dort treffe ich, drei Tage, bevor ich mit Igor durch die Kiewer Nacht fahre, Serhij Zhadan in der Altstadt Charkiws zu einem Spaziergang. Auf einem Hügel zeigt er dann nach Norden: „Da hinten beginnt Russland“, sagt Serhij Zhadan, „nur fünfzig Kilometer entfernt“.

Und ich will wissen, wo der Krieg ist. Dieser Krieg, der seit mehr als einem Jahr tobt, dieser Krieg, den viele Europäer heute trotz allem doch nur als „Krise“ bezeichnen. Wie weit ist es zur Front, zu den prorussischen und russischen Separatisten?, sage ich. „Mehr als zweihundert Kilometer“, antwortet Serhij Zhadan wie ein Arzt, der seinen Patienten zu beruhigen versucht.

Sie war ein Synonym für das Fest
Optisch ist er das Gegenteil vom Arzt-Klischee: seine Undercut-Frisur ist etwas Popstar, die Jeans und das T-Shirt sind eher Student. Zhadan ist Anfang vierzig, geboren im Gebiet Lugansk. Und doch ist er ein echter Charkiw-Eingeborener. Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt er hier, und hier spielt oft die Prosa Serhij Zhadans und auch die Lyrik. Als Teenager schrieb er seine ersten Gedichte, heute ist er der bekannteste Dichter seines Landes. Und Autor. Und vielleicht sogar auch Musiker.

Im heißen Regen gehen wir durch den Sommer. Die Häuser der Charkiwer Altstadt sehen aus wie geprügelte und alte Männer: ihre gebrochenen Nasen sind die kaputten Fassaden, ihre von Adern durchzogenen Augen die zersprungenen Fenster. Und dann bleibt Serhij Zhadan stehen, zeigt auf einen der Geprügelten aus rotbraunem Ziegel und sagt: „Hier wohnt Marat.“

Marat ist einer der Protagonisten aus „Mesopotamien“, Zhadans neuem Roman, der im August auch auf Deutsch bei Suhrkamp erscheint. Und mit Marat beginnt auch das literarische Zweistromland Zhadans, genauer: vierzig Tage nach seinem Tod.

Doch Marat fällt nicht im Krieg, er lebt und stirbt vorher. Denn Zhadan hat seinen Roman geschrieben, bevor auf dem Maidan Scharfschützen Menschen töteten, bevor russische Soldaten in die Ost-Ukraine zogen, bevor auch Ukrainer anfingen, gegen Ukrainer zu kämpften.

In „Mesopotamien“ schreibt Zhadan über eine Zwischenzeit, irgendwann nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und vor dem Krieg im Osten. Er schreibt über sein Charkiw, das wie Mesopotamien zwischen zwei Flüssen liegt: ein eigenes Universum voll mit Tod, Liebe, Leben und voll mit Sex. Und Sex ist auch der Grund, warum Marat lange vor seinem Tod auf die Krim flieht.

Sex, Liebe und Alkohol, das ist die Krim aber nur noch in Zhadans Fiktion. „Ja, sie war eine absolut andere Realität, ein Synonym für das Fest“, sagt Zhadan, während wir in einer Bar in Charkiw über sein neues Buch sprechen und Bier dazu bestellen.

Die Krim kommt zurück!
„Jetzt ist die Krim ein Symbol dieses Krieges, eine Tragödie realer Menschen“, sagt er. „Jemand ist da geblieben, jemand geflohen, jemand freut sich über die Okkupation und jemand wartet auf die Rückkehr der ukrainischen Macht.“ Gibt es tatsächlich Menschen, die daran heute glauben, frage ich überrascht zurück.

„Es wäre dilettantisch zu sagen: Morgen kommt die Krim wieder zurück. Ich weiß nicht wann, aber ich weiß sicher, dass sie zurückkommt, genauso wie das Donbass-Gebiet.“

Zhadan sagt diesen Satz so überzeugt, dass sein Gesicht sich kurz verhärtet, für eine Sekunde wie aus Stein wirkt, er ist vollkommen entschlossen. Und nicht nur er, sondern auch viele andere, die ich in den nächsten Tagen noch treffen werde. Putin hat also nicht gewonnen, frage ich. „Was denn gewonnen?“, antwortet Zhadan. „Es ist höchstens ein Sieg für eine Stunde.“

Und dann kommt es zum Schriftsteller-erklär-mir-den-Krieg-Dialog. Und Zhadan erklärt und erklärt, obwohl alles eigentlich klar ist: Im Land herrscht Krieg. „Dieser Krieg ist lokal, die einen sehen ihn nicht, die anderen wollen ihn nicht sehen.“ Danach verabschiedet Zhadan sich.

Und während ich alleine zu meinem Charkiwer Hotel spaziere, sehe auch ich nichts und niemanden, das und der nach Krieg aussieht, sehe junge Menschen, rauchend vor den Bars, Betrunkene auf Bänken trinkend, küssende Paare, die sich an Häuser lehnen.

So geht Propaganda
Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Freiheitsplatz von Charkiw, sehen die Stadt und ihre Stimmung anders aus als in der Nacht: Zum Beispiel eine Wand in der Nähe meines Hotels. Jemand hat sie gelb angestrichen, durch die Farbe sticht ein dunkler Schriftzug leicht hervor: „Charkiw ist russisches Land“, steht dort geschrieben.


Seite 3 & 4:
Ein paar Straßen weiter steht ein großes blau-gelbes Zelt. Ein junger Mann sammelt hier Spenden für die verletzten Kämpfer im Donbass. Und wieder ein paar hundert Meter weiter: ein Stand der Nationalen Front, doch er wirkt klein und albern im Vergleich zum anderen Zelt. Hier sammeln zwei Typen Geld für die Kämpfer der Nationalen.

Verlassen sehen sie aus, diese zwei Einsamen, über ihren Köpfen tanzt die schwarz-rote Fahne Stepan Banderas. Mit den Geschichten über diesen ukrainischen Nationalisten und Partisanenführer, der mit den Nazis kollaboriert hat, füttert die russische Propagandamaschinerie heute das Volk, denn wenn sie Ukrainer nicht „Faschisten“ nennt, dann „Banderowzi“.

Als ich Zhadan später noch einmal treffe, frage ich sofort nach den ukrainischen Nationalisten, nach Bandera. „Bandera ist lange nicht für alle, die jetzt im Osten kämpfen, ein Held. Er ist, natürlich, der Held von den Nationalisten.

Ein ruhiges, riesiges Meer
Aber in Wahrheit kämpfen im Osten Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansichten und Gesinnungen“, antwortet Zhadan. „Und so geht Propaganda: Entweder bist du für Bandera oder für Putin. Ich aber bin für die Ukraine.“

Und wieder gehen wir durch Charkiw und reden, und Zhadan erklärt mir leicht sarkastisch die „psychedelische Welle des Patriotismus“, die über sein Land zog und jeden zweiten Zaun in Blau und Gelb einfärben musste. „Ich liebe mein Land“ sagt er dann aber auch, spricht den Satz seltsamerweise aus ohne jedes Pathos. Und während ich überlege, wie er das macht, dass er so klingt, stehen wir auf einmal am Freiheitsplatz.

Ein ruhiges, riesiges Meer aus Beton ist dieser Platz, mehr als elf Hektar groß. An einem Ende stand früher mal Lenin, am anderen haben vergangenes Jahr Separatisten das Gebietsverwaltungsgebäude gestürmt.

Prügel im Parlament
Es war der Tag, an dem mir auf meinem Laptop-Bildschirm immer wieder ein- und dasselbe Zhadan-Bild entgegen strahlte: Es zeigte den Schriftsteller, gestützt von zwei Polizisten, über seinem Gesicht ein Schleier aus hellrotem, frischem Blut.

Mit zweihundert Leuten war Zhadan damals im Parlament, als die Pro-Russen und die Russen in das Gebäude einfielen, auf die Maidan-Aktivisten einprügelten. Und auch auf Serhij Zhadan. Und heute, mehr als ein Jahr später, frage ich ihn, ob die Stadt immer noch die Stadt ist, in der er gerne wohnt, nachdem, was hier mit ihm passierte.

„Natürlich. Meine Einstellung zu der Stadt und den Mitbürgern hat sich gar nicht geändert“, sagt er und lächelt schüchtern bis aufrichtig. Und ich verstehe Zhadan nicht.  

Nur am Abend ist alles wieder klar: der Charkiwer Musik-Tag. Zhadan und die Sobaki stehen auf der Bühne. Vielleicht tausend Menschen vor ihnen, vielleicht fünfhundert davon springend, fest und entschlossen. Das ist einfach Punk-Rock, das alles ist nicht Politik, denke ich, obwohl es in einigen Sobaki-Songs doch wieder um sie geht, die Politik, aber eher anarchistisch.

Einer der besten Songs lautet auf Deutsch ungefähr so: „Dein Herz – ein Schwamm, dein Hirn – eine Pastete / Geh’ zur Arbeit, füll’ das Budget“. Es geht um das Budget der Politiker, darum, dass sie jemand füttern, dass jemand für sie arbeiten muss.

Nach ihren Konzerten arbeiten Sobaki und Zhadan normalerweise nur am Rockstar-Leben, in Bars, an Theken und am Alkohol. Heute aber bleibt kaum Zeit, sich rock’n’rollhaft zu betrinken. Schon um halb eins fahren Zhadan, Sobaki und auch ich von Charkiw in den Westen, nach Kiew, nachts mit einem Bus, zu ihrem nächsten Auftritt auf dem Festival „Kraina Mriy“.

Soundcheck in Kiew
Während der Fahrt prügeln die kaputten ukrainischen Straßen sich brutal mit dem Whisky in meinem Kopf, in meinem Körper. Der Schlagzeuger, der neben mir in Bus schläft, ist diese Straßen wohl gewöhnt, oder hat einfach weniger getrunken oder viel mehr, so friedlich träumt er, denke ich neidisch. „Sechs Stunden noch“, sagt Kyrill, Fahrer und Freund der Band.

Schlaflos im Bus zwischen den Musikern, erinnere ich mich wieder an meinen mitteldummen Reflex, das Leben dieser Menschen mit Musik und mit Literatur begreifen zu wollen. Dieser Reflex ist wie ein Schluckauf, der mich oft überkommt und zwingt, diese Ihr-Künstler-wie-geht-es-weiter-Fragen zu stellen.

Doch am nächsten Morgen ist er auf einmal ganz verschwunden, dieser unschöne Schluckauf. Wir sind endlich in Kiew, auf dem Festivalgelände, wo abends auch Zhadan und die Sobaki spielen werden. Und dort wieder das Rockstarleben, alles sehr normal: warten auf den eigenen Soundcheck, essen, trinken, immer noch warten, Soundcheck, Pause, essen und trinken und dann der Auftritt.

Und dieser Auftritt ist so ansteckend, dass jeder im Publikum lächeln muss und jeder zweite seine Arme in den Himmel wirft und jeder dritter auch die Beine, zu einem Polka-Pogo-Tanz. „Nu, das ist das Leben“, sagt Mascha, eine Medizinjournalistin, die ich nach dem Konzert hinter der Bühne treffe. Wir reden und wir trinken dann, trinken mit dem Gitarrist, dem Keyboarder und eigentlich mit fast jedem.

Es ist eine dieser spektakulären Festivalnächte, die sich genauso in Berlin, Paris oder in anderen europäischen Städten abspielen würde. Eine Nacht, die jeder ins Unendliche zu ziehen versucht, und die dann doch zu früh vorbei ist. Sobaki müssen heute Nacht wieder zurück nach Charkiw, sie alle wohnen in Zhadans Mesopotamien.

Zum Abschied hupt ihr Bus zweimal, dann sind sie weg. Und wenige Minuten später kommt auch schon Igor, der Unbekannte der Bekannten mit Schusswunde am Arm, fährt vom Konzert drei Leute in das Zentrum Kiews und fährt auch mich.

Igor und Mascha (ihre Namen habe ich besser geändert) kennen sich gut, erzählt sie mir am nächsten Tag in einem kleinen Kiewer Restaurant. Und dann erzählt sie auch von Lou, ihrem schwarzen Mops. Ihn hat sie von einem Freund von Igor geschenkt bekommen. Die Medizinjournalistin hat vergangenes Jahr Transporte für Verwundete der ukrainischen Armee organisiert.

Ein Mops als Dankeschön
Sie kennt sehr gute Ärzte, weiß welche Verletzungen in welchem Krankenhaus am besten behandelt werden können, weiß es, weil sie seit Jahren über Medizin schreibt. „Und einer der Jungs, dem ich damals geholfen habe, hat mir dann Lou geschenkt“, sagt sie. Ein Hund als Dankeschön eines Soldaten?, frage ich etwas verwirrt.

Mascha nickt lachend und zeigt mir dann ein Foto ihres Mopses: Zu große Augen, zu glänzendes und schwarzes Fell, der Körper viel zu massig für die zu kleinen Beinchen und dann sein Blick, der auch noch viel zu traurig ist. Der Krieg – auch so sieht er aus in der Ukraine.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/unterwegs-mit-dem-ukrainischen-autor-serhij-zhadan-13669997.html

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Re: Unterwegs mit dem ukrainischen Autor Serhij Zhadan

Beitrag  Thomas am Mo 7 Sep 2015 - 19:32

Serhij Zhadan: "Das Land versucht, mit sich klarzukommen"

Der ukrainische Schriftsteller über seinen neuen Roman "Mesopotamien" und darüber, warum er seiner Stadt Charkiw ein literarisches Denkmal setzen wollte

Serhij Zhadans Roman "Mesopotamien" (Suhrkamp-Verlag) ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Der ukrainische Schriftsteller gehört zu den beliebtesten Autoren seines Landes. Er war auch Aktivist des Euromaidan und äußert sich immer wieder kritisch zu politischen Ereignissen in der Ukraine. Zhadan lebt in der ostukrainischen Stadt Charkiw, der er mit seinem neuen Roman ein poetisches Denkmal gesetzt hat.

STANDARD: Wie ist die Atmosphäre in Ihrer Heimatstadt Charkiw? Lässt sich ein normaler Alltag leben, wenn rund 200 Kilometer entfernt ein Krieg tobt?

Zhadan: Auf den ersten Blick ist hier alles ganz normal, alles ist ruhig. Charkiw ist eine friedliche, sonnige Stadt. Die Leute gehen einfach ihrem Alltag nach. Aber wenn du genau hinschaust, bemerkst du die Leute, die bestimmte Verwaltungsgebäude mit Maschinengewehre bewachen, du siehst die Soldaten am Bahnhof, die von der Front zurückkehren oder an die Front fahren. Manchmal sieht man Militärfahrzeuge, die in Richtung Donbass fahren. Und natürlich fallen einem die großen Plakate auf, auf denen zum Beispiel zu lesen ist: "Separatismus verursacht Zerstörung." Du siehst all das und wirst daran erinnert, dass im Land Krieg herrscht – in dem jeden Tag Menschen sterben. Tatsächlich brauchen die Leute in Charkiw keine Plakate, um an den Krieg erinnert zu werden. Denn jeder hat einen Verwandten, der im Krieg kämpft, der der Armee mit Hilfslieferungen unter die Arme greift oder der sich für die Binnenflüchtlinge einsetzt. Dieser Krieg ist irgendwie seltsam. Auch für uns scheint er weit weg zu sein. Aber schon heute betrifft er fast jeden. Tatsächlich kann jeder eine Einberufung erhalten, dann wird der Krieg zum Teil deiner unmittelbaren Wirklichkeit.

STANDARD: Im vergangenen Jahr haben Sie in einem Artikel geschrieben, dass die Ukrainer den Krieg nicht als solchen sehen, dass sie sich lieber in den Alltag flüchten. Wie sieht es nach einem Jahr aus? Ist der Krieg in den Köpfen angekommen?

Zhadan: Nicht wirklich. Es gibt diejenigen, die den Krieg als solchen akzeptieren. Und solche, die die Augen vor ihm verschließen und so tun, als würde der Krieg sie nicht betreffen. Natürlich gibt es in der Gesellschaft eine gewisse Kriegsmüdigkeit, im physischen und auch im psychologischen Sinn. Wenn man ein ganzes Jahr lang in den Nachrichten immer wieder hört, wie viele Menschen umgekommen sind, ist das alles andere als leicht, selbst wenn man unter den Toten keinen Bekannten hat. Also entscheidet jeder für sich, wie er mit diesem Krieg umgeht. Einer meldet sich freiweillig an die Front, der andere versteckt sich vor der Einberufung. In diesem Augenblick gibt es einen sehr schwierigen psychologischen Moment. Es ist wichtig, dass man nicht zerbricht, dass man nicht der grassierenden Hysterie und Angst erliegt. Ich denke, dass die Ukraine damit klarkommen wird, auch um den toten Mitbürgern gerecht zu werden.

STANDARD: Sie sind im vergangenen und in diesem Jahr durch die ganze Ukraine gereist. Kann die Literatur in solchen schwierigen Zeiten eine Hilfe sein?

Zhadan: Es ist wirklich seltsam. Es scheint, dass die Kultur in Zeiten des Krieges auf "Sparflamme" gehen muss, da allen nicht sonderlich nach Kultur ist. Aber tatsächlich ist es den Menschen in jedweder Situation und unter jedweden schwierigen Bedingungen und Problemen wichtig zusammenzuhalten – nicht des Hasses, der Bosheit oder der Panik wegen, sondern wegen der Dinge, die ihre früheren friedlichen Leben untereinander verbinden, wegen der Dinge, die sie geformt haben; wegen der Literatur, der Musik oder wegen der Filme, die wichtig für sie waren. Deswegen ist es heute wichtig, sich daran zu erinnern, dass das Leben durch die Ereignisse im Kriegsgebiet und durch irgendwelche Verlautbarungen von Politikern nicht begrenzt wird und dass es im Leben weiter Gedichte und Theater geben wird. Das klingt vielleicht banal, aber es ist wahr. Deswegen ist es wichtig, dass ich meine Lesungen mache und Konzerte spiele. Für viele ist das Therapie. Wir fahren auch in die kleinen Städte im Donbass. Dort fährt normalerweise niemand hin – keine Dichter, keine Musiker. Für uns ist das wichtig, denn diese Reisen sind auch für uns eine Therapie. Das Land sucht sich und versucht, wieder mit sich klarzukommen.

STANDARD: Der Euromaidan hat viele zivilgesellschaftliche Initiativen hervorgebracht, die den Reform- und Demokratieprozess beeinflussen wollen. Ist der Enthusiasmus der Aktivisten ungebrochen? Oder kann man eine Müdigkeit erkennen, da die Übermacht der alten Politkaste und der Reformunwilligen zu groß ist?

Zhadan: Nein, nicht wirklich. Viele Initiativen bestehen weiter und entwickeln sich weiter. Sie transformieren sich entspechend der Entwicklung im Land. Einige Projekte haben sich in eine Freiwilligenbewegung umgewandelt, andere wiederum wollen direkt Po litik machen, wieder andere beschäftigen sich mit Projekten im humanitären Sektor. Es ist nicht wie 2005, als das Land nach der Orangen Revolution von einer totalen Lähmung ergriffen wurde. Viele Ukrainer verstehen, dass man die Arme nicht einfach hängen lassen darf – das Risiko, alles zu verlieren, das Land und sich selbst, ist einfach zu groß.

STANDARD: Auch in Charkiw gab es im vergangenen Jahr den Versuch von Separatisten und Milizen, die Macht zu übernehmen. Warum hat das im Vergleich zu Donezk und Luhansk nicht funktioniert?

Zhadan: Mir scheint, dass es dafür eine ganze Reihe von Gründen gibt: die Einstellung unserer lo kalen Regierung, die Stimmungen in der Bevölkerung, die Position der Machteliten und auch der Zufall. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass die Voraussetzungen für den "Separatismus" in Luhansk oder in Donezk nicht stärker waren als in Charkiw oder in Dniprpetrwosk. Man muss aber auch sagen, dass die Idee dieses "Separatismus" eigentlich von un serem Nachbarstaat aus in unsere Wirklichkeit getragen wurde. Charkiw hatte im wohl einfach Glück – dieser sogenannte "russische Frühling" wurde hier schon sehr früh ausgemacht und aufgehalten. Deswegen ist Charkiw heute eine friedliche und sonnige Stadt. Warum das nicht in Donezk und in Luhansk gelungen ist? Diese Frage muss man Politikern, den Chefs der Milizpolizei und den Oligarchen stellen. Leider muss das Land für diese Schande, diese Feigheit und auch für eine bestimmte Gier seit mehr als einem Jahr mit Menschenleben bezahlen.

STANDARD: Sie sagen häufig über sich selbst, dass Ihre Literatur nicht sehr politisch sei. Im Gegensatz dazu sind Sie ein sehr politischer Mensch, der sich auch in Interviews und in seinem Blog politisch äußert. Reizt es Sie nicht, die aktuellen Ereignisse in einem politischen Roman aufzuarbeiten?

Zhadan: Klar, dass in letzter Zeit alle über Politik und über den Krieg reden. Es wäre komisch, wenn es anders wäre. Und klar, dass Dichter sich nicht immer mit Politik auskennen. Man sollte sie lieber über Metaphern befragen. Was politische Romane betrifft – im Prinzip: ja. Ich beginne gerade mit den Arbeiten an einem neuen Roman, der im Donbass spielen wird. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es ein ausgesprochen politischer Roman werden wird. In der heutigen Ukraine wird natürlich vieles durch die politische Brille betrachtet. Dem kann man nur schwer entkommen.


Weiter im Spoiler:
Spoiler:

STANDARD: Titel, Sprache und Stil Ihres neuen Buchs haben etwas Episches, Poetisches, teilweise Anachronistisches. Die Geschichten erinnern an die "Märchen aus 1001 Nacht" oder an die philosophischen Betrachtungen von persischen Schreibern. Glauben Sie, dass Charkiw tatsächlich an einer Kulturgrenze liegt?

Zhadan: Natürlich ist Charkiw eine Grenzstadt, nicht nur im geografischen, sondern auch im kulturellen Sinn. Hier haben sich immer schon unterschiedliche kulturelle Schichten vermischt. Der Stil von "Mesopotamien" ist bewusst anachronistisch bzw. episch. Aber es ist nicht die Kulturlandschaft, die diesen Stil diktiert, sondern im Gegenteil – ich wollte der Stadt einen Mythos geben, einen, den ich im künstlichen Rahmen des Mythos angelegt habe, ein bisschen wie eine Predigt.

STANDARD: Wollten Sie Ihrer Heimatstadt Charkiw so ein literarisches Denkmal setzen?

Zhadan: Sicher. Mir fehlte Charkiw in der Literatur. Ungeachtet dessen, dass die Stadt einen sehr interessanten Background hat, spielt Charkiw in der Literatur eine untergeordnete Rolle. Das ist ungerecht, wie ich finde. Deswegen habe ich dieses Buch vor allem für mich geschrieben.

STANDARD: Man hat den Eindruck, dass es ein Buch ist, das schon lange in Ihrem Kopf gearbeitet hat.

Zhadan: Ja, ich habe auch schon früher versucht, über mein Charkiw zu schreiben. Aber das ist mir nur fragmentarisch gelungen. Für mich ist diese Stadt nicht einfach ein Ort, an dem ich wohne. Es ist ein Ort, wo ich mich an meinem Platz fühle. Das wollte ich beschreiben. Wobei im Buch längst nicht alles steht, was ich fühle. Es könnte eine Fortsetzung geben.

STANDARD: Das Buch scheint reifer, düsterer und vielschichtiger als alles, was Sie vorher geschrieben haben. Es geht viel um Liebe, um Tod, um die Frage nach Transzendenz. Hat das alles mit dem Alter zu tun?

Zhadan: Wenn man über 40 ist, nimmt man die meisten Dinge im Leben natürlich anders wahr, als wenn man jugendliche 20 ist. Wäre ja auch komisch, wenn es anders wäre. Deswegen unterscheiden sich die Bücher, die ich vor zehn, zwanzig Jahren geschrieben habe, natürlich vehement von dem, was ich heute schreibe. Mir gefällt die Vergänglichkeit der Zeit, mir gefällt es, das aufzuspüren und in Worte zu packen. Die Zeit ist eine sehr großzügige und interessante Sache. Man braucht keine Angst vor ihr zu haben. Es wäre sogar dumm, Angst vor der Zeit zu haben. Und auch das versuche ich in "Mesopotamien" zu erzählen.

STANDARD: Immer wieder findet man auch Stellen in den Geschichten, die etwas ausgesprochen Fantastisches haben. Nutzen Sie die Literatur, um sich darüber klar zu werden, dass das Leben mehr ist als die Wiederkehr des Alltäglichen?

Zhadan: Ich habe mich eigentlich nie ernsthaft für Mystik interessiert. Bei mir hat sie immer eine ironische Implikation. Mich interessiert es nicht, meine Gefühle zu beschreiben, sondern die meiner Charaktere. Glaub mir! Viele Leute können in diesem Leben durch Wände gehen und haben in ihren Wohnungen geheime Zimmer, wo sich gewisse Wunder zutragen. Warum sollte ich über solche Dinge nicht schreiben?

STANDARD: Das Buch ist bereits 2014 in der Ukraine erschienen. Die Arbeiten daran waren schon vor dem Beginn des Euromaidan abgeschlossen. Dennoch hat man das Gefühl, dass manche Episoden eine unheimliche Vorahnung in sich tragen. Sie sind kein Hellseher, oder?

Zhadan: Natürlich bin ich kein Hellseher. Im November 2013 war ich davon überzeugt, dass bei uns alles ganz anders kommen würde. Daher lohnt es sich nicht, in "Mesopotamien" nach Hinweisen und Vorhersagen zu suchen. Vielleicht gibt es ein Gefühl der Unvermeidbarkeit und der Logik zu allem, was uns widerfährt. Vielleicht.
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